PB und Major Nummer 5
Mit einer hervorragenden Marathonvorbereitung im Gepäck ging es für David am vergangenen Donnerstag nach Chicago. In der Vorbereitung stimmten sowohl die Umfänge als auch die Qualität, vor allem die spezifischen Marathoneinheiten - wie 4 mal 5km im Renntempo - rollten sehr gut. Lediglich zwei Long Runs gestalten sich sehr zäh und in einer Woche musste David aufgrund eines Infekts etwas kürzertreten. Die Euphorie und Vorfreude auf den Showdown sollten während der letzten Tage vor dem Rennen noch auf die Probe gestellt werden. Wenige Tage vor der Abreise machten sich erste Erkältungssymptome bemerkbar. Am Flughafen wurde die Reiseapotheke aufgestockt und so ging es mit einer gehörigen Portion Ungewissheit in Richtung USA. Nach der Landung in Chicago ging es nach einem kurzen Abstecher in die Unterkunft, direkt zur Marathonmesse. Anschließend ging es zum Abendessen mit Urs, einem Mitstreiter aus Deutschland, der ebenfalls seine persönliche Bestzeit angreifen wollte. Die beiden kannten sich bislang nur flüchtig über Social Media und sollten während der nächsten noch viel Freude dabei haben die Stadt gemeinsam zu erkunden. Dabei standen die beiden nächsten Tage im Zeichen der Marathonvorbereitung. Nun galt es eine gute Mischung zwischen Kräfte sammeln und Ablenkung zu finden, um die Nervosität in Grenzen zu halten. Die spektakuläre Architektur, das Zusammenspiel der Großstadt, Chicago River und Lake Michigan und nicht zuletzt das sehr gute Wetter boten dabei hervorragende Möglichkeiten zur Ablenkung. Vor Reiseantritt waren Davids Erwartungen an die Stadt begrenzt. Zwar sahen die Impressionen auf Social Media interessant aus, konnten jedoch nicht den letzten Funken Begeisterung wecken. Das sollte sich bereits unmittelbar nach der Ankunft ändern, mit dem Rad entlang der Promenade am Lake Michigan stellte sich ein Gefühl von Glück und Freiheit ein. Auch der Infekt konnte erfolgreich abgewendet werden und die Kräfte schienen sich langsam zu sammeln. Einen letzten kleineren Schreckmoment gab es Samstagnachmittag, als plötzlich der untere Rücken Probleme bereitete, aber auch das konnte David in den Griff bekommen Die äußeren Bedingungen für das Rennen sollten gut sein, erst im späteren Rennverlauf stiegen die Temperaturen an, sehr warm wurde es jedoch erst nach dem Zieleinlauf, wobei sich zu diesem Zeitpunkt noch ein Großteil der 45.000 Läuferinnen und Läufern auf der Strecke befanden. Gemeinsam mit Urs ging es bereits um kurz nach 6 Uhr zum Startbereich. Aufgrund der großen Startfelder und den Sicherheitsauflagen ist man bei den World Marathon Majors mit einer Ankunft von 1,5 bis 2 Stunden im Startbereich gut beraten. Dabei ist die verlängerte Wartezeit bis zum Start eine Herausforderung, als auch die limitierte Möglichkeit sich Warmzulaufen.
Nach und nach füllt sich der Startblock, einige Läufer stehen bereits eine halbe Stunde vor Start eingereiht im Block. Endlich beginnen die Startrituale, die Nationalhymne ertönt, kurz danach werden die ersten Athletinnen und Athleten auf die Strecke geschickt. Für Urs und David erfolgt der Startschuss um 7:34 Uhr.
David muss sich nach dem Start zunächst Platz verschaffen, vor allem jetzt ist absolute Konzentration gefragt, es heißt Tempo aufnehmen und im Gedränge Positionen gutmachen. Das gelingt gut und schon ist die erste Meile ohne Probleme in 5:47 absolviert. Die ersten Kilometer rollen sehr gut, David kommt direkt in den Flow und kann sehr gleichmäßig Splits abspulen: die Atmung ist ruhig, der Schritt locker, die Konzentration voll da. Die Kilometer sind zwar etwas schneller als geplant, aber auf Grund des leichten Rückenwindes im ersten Viertel des Rennens ist das vollkommen im Rahmen, so stehen nach 5 km 17:53 Minuten auf der Uhr. Nach den ersten Kilometern des Rennens ist nun auch deutlich mehr Platz auf der Strecke. Die nächsten 5 km rollen ebenfalls sehr gut und werden in 18:06 Minuten abgespult. Aufgrund der frühen Startzeit sind die Temperaturen mit 12 °C noch angenehm, doch im Lauf des Rennens soll es wärmer werden. Entsprechend ist die Verpflegungsstrategie anzupassen, David hat sich vorgenommen bereits von Beginn des Rennens ausreichend zu trinken und sich auch früh mit Kohlenhydraten zu versorgen. Die Konzentration ist weiterhin hoch und das Laufgefühl sehr gut. Auch bis zur Halbmarathonmarke verläuft alles rund, mit einer Zeit von 1:16:04 ist David das Rennen mutig angegangen, zu mutig? Dank der angepassten Verpflegungsstrategie kann David trotz zügigen Tempos den Puls auf der ersten Hälfte bei 168 Schlägen / Minute halten.
Allerdings beginnen kurz nach der Halbmarathonmarke Probleme auf der rechten Oberschenkelrückseite, am Übergang zur Gesäßmuskulatur. Diese Probleme sind nicht neu, so hat David bei dem ein oder anderen Long Run ähnliche Probleme gehabt und konnte mit dem rechten Bein nicht richtig Kraft aufbauen. Doch bereits nach wenigen Kilometern läuft es wieder. Die Splits sind zwar nun zwei bis drei Sekunden langsamer, allerdings herrscht nun auf dem Weg Richtung Süden leichter Gegenwind. Alles spricht bis dahin für einen absoluten Sahnetag und doch machen sich hier und da Zweifel breit, es ist nun mal Marathon und der schreibt bekanntlich seine eigenen Gesetze. Die Stimmung ist gut, aber David ist in seinem Tunnel und kann heute die großartige Stimmung und Party an der Strecke nur teilweise aufsaugen. Dafür ist die Konzentration nach wie vor sehr hoch, dies ist aufgrund des teilweise sehr schlechten Straßenbelags erforderlich. Die Schlaglöcher sind teilweise größer als in New York und erfordern die volle Aufmerksamkeit der Läuferinnen und Läufer.
Bis 30 km ist David auf Kurs unter 2:33 Stunden. Kurz danach beginnen die Probleme. Das nächste Gel schmeckt nicht mehr, beim zuckrigen Geschmack der klebrigen Masse wird David schlecht. Er kann einfach keine süßen Gels, zuckrigen Iso Getränke oder ähnliches sehen. Von daher fällt die Verpflegung schwer, die Beine sind zwar nach wie vor gut, aber aufgrund der mangelnden Verpflegung geht David nun langsam die Energie aus. Außerdem machen sich Sonne und steigenden Temperaturen in Kombination mit der mangelnden Versorgung in einem deutlich höheren Puls bemerkbar: 174 Schläge / Minute auf der zweiten Rennhälfte. Die letzten 10km bis in Ziel werden lang und hart. Selbstgespräche, positive Gedanken und die Zuversicht auf eine gute Finisher Zeit sind auf den folgenden Kilometern Davids Treibstoff. Dadurch kann David den totalen Einbruch verhindern, doch die finalen 7km sind die langsamsten des Tages, 3:48 Minuten/km. Auch das Gefühl ist nun trügerisch, es gibt zahlreiche Positionswechsel, einige Läufer fallen zurück, andere kommen mit ordentlich Geschwindigkeit von hinten. Doch das spielt alles keine Rolle, es heißt durchhalten und kämpfen bis ins Ziel. Die lange Gerade vor den letzten beiden Kurven scheint kein Ende zu nehmen, David hat nur noch einen Gedanken: “Wann biegen die Läufer am Horizont endlich rechts ab, dann sind es nur noch 400 m bis ins Ziel. Wann biegen sie verdammt nochmal ab?” Da kommt das Zeichen: “Endlich Meile 25, Du hast es fast geschafft, noch 4 Sportplatzrunden, dann ist es vorbei. Vorbei? Krass, die letzten Kilometer waren so hart. Das Rennen ist schon gleich Geschichte, die Reise Chicago Marathon endet in wenigen Minuten. Das Training der letzten Monate, die Vorfreude auf Major Nummer 5, all das wird gleich Geschichte sein.” Dann kommt die ersehnte vorletzte Kurve, der Anstieg an der Brücke ist brutal, David steht gefühlt, nichts geht mehr, der Ofen ist endgültig aus. Oben angekommen geht es dann nach links ins Ziel, jetzt kann man nochmal rollen lassen und den Blick schweifen lassen, was für eine Szenerie, Stadt und Ziellinie im Blick, die finalen Meter gesäumt von Zuschauertribünen, die Uhr tickt, 2:34:17, 18, 19 – “Lauf, David, lauf!” Geschafft. Im Ziel stehen 2:34:29, Erleichterung, Erschöpfung, Dankbarkeit, ein einziges Gefühlschaos machen sich breit. Mit etwas Abstand zum Rennen resultiert David: “Ich bin zufrieden und dankbar. Anfang der Woche war ich mir nicht sicher, ob ich gesund und fit an der Startlinie stehe. Dafür bin ich dankbar. Ich habe mich sehr stark gefühlt und bin mutig angelaufen, vielleicht etwas zu mutig. Ich bin mir jedoch sicher, dass die guten Beine heute noch ein bis zwei Minuten schneller hätten laufen können, hätte mir der Magen keinen Strich durch die Rechnung gemacht. Trotzdem habe ich eine kleine Bestzeit ins Ziel retten können.”









